Der Jahrestag oder
Das Drama einer unmündigen italienischen Familie 23/09/26
Ich lese wenig zeitgenössische Belletristik und in einem spätabendlichen Moment meldete ich mich spontan zu einem Literaturzirkel an, der hauptsächlich
Gegenwartsliteratur liest. Die erste vorgegebene Wahl: "Der Jahrestag" von Andrea Bajani, ausgezeichnet mit dem Premio Strega 2025. Ich wusste nicht, was mich erwarten würde, weder beim Buch noch beim Zirkel. Bajani schreibt über einen Erzähler, der einen Roman schreibt, um die Beziehung und schließlich den Bruch mit seiner Familie zu verarbeiten. Eine gewisse Ähnlichkeit zum Lebenslauf des Autors ist wohl beabsichtigt, wenngleich er betont, dass es autobiografische Fiktion ist.
Der Erzähler schreibt aus der Erinnerung, nachdem er bereits vor Jahren den Kontakt zur Familie endgültig abgebrochen hat. Das Erinnern ist reflektierend, selektiv, aber vor allem subjektiv. Der Erzähler lässt Teile offen aus und scheint einiges auch nur zu erfinden, zumindest hinterfragt er selbst gelegentlich seine eigenen Erinnerungen. Er führt uns so durch verschiedene Ereignisse der nahen Vergangenheit einer dysfunktionalen Familie, in der er, seine Schwester, und seine blasse Mutter unter dem kontrollsüchtigen und gewalttätigen Vater leiden.
Es ist eine unzuverlässige, unvollendete, rat- und rastlos wirkende Ursachenergründung des Erzählers vor allem über das Verhalten seiner Mutter und, nur am Rande, das seines Vaters. Die Mutter, eigentlich eine junge Frau mit Potenzial, gelangt in die Fänge des Vaters und verkümmert zu einem Schatten. Sie erscheint körper- und seelenlos, ein Zustand, der im Laufe der Zeit noch zunimmt.
Es sind der nichtverarbeitete Faschismus, die patriarchische Gesellschaft, die Isolation des italienischen Dorfes, die italienisch-katholische Kultur, die als Ergründungen herhalten müssen bei den Versuchen des Erzählers mögliche Ursachen zu erfassen. Im Dunkeln, nicht als Möglichkeiten betrachtet, bleiben die internen, intimen Beziehungen der Personen zueinander, ihre Charaktere, Dynamiken und Motivationen. Aber es ist nicht so einfach, denn die Frage bleibt: Sind die Beziehungsdynamiken wahr oder doch auch nur die subjektiven Erinnerungen des Erzählers, dem man nur begrenzt vertrauen kann? Mit dem kühlen, meist distanzierten Ton des Textes scheint der Erzähler um die Objektivität zu ringen, doch zu viele Lücken bleiben und zu weit hergeholt, zu soziologisch, wirken die hervorgezogenen Ursachen für mich als außenstehenden Beobachter. Es müssen die großen gesellschaftlichen Zustände sein, die ihre Macht und Gewalt in den kleinen und feinen zwischenmenschlichen Beziehungen entfalten. Aber die wichtigsten Stimmen der Beziehungen, die Mutter, der Vater, die Schwester, kommen nicht zu Wort und verbleiben nur blass in ihrer Beziehungsrolle.
Es ist die kollektive familiäre Unmündigkeit der Charaktere, ausgedrückt durch ihr Nichthandeln, die mich irritiert und nach einiger Zeit quält. Der Erzähler konfrontiert selbst als Erwachsener weder seinen gewalttätigen Vater noch seine unterwürfige Mutter, die in einer Szene in ubuesker Manier ihre Zähne mit Toilettenwasser putzt, weil der Vater das Wasser abgestellt hat. Auch die Mutter, selbsterniedrigend und scheinbar wesenslos, zeigt so wenig Bereitschaft, sich als erwachsene Frau ihrem Zustand zu stellen; einmal reist sie in einer Art der Befreiung für zwei Tage ohne ihren Mann nach Rom zur Großmutter. Und auch der Vater, mit seinem Kontrollwahn und Aggressionsproblemen, ist unmündig, sein Verhalten und das seiner Mitmenschen zu hinterfragen. Einzig die Schwester, die sich frühzeitig aus dem Band der Familie löst, scheint zu handeln, bleibt im Roman aber nicht mal als Nebenfigur.
Und so bleibt es bis zum Schluss, nach scheinbar endloser Bewegung im erzählerischen Kreis. Der Erzähler befreit sich von seiner Familie, indem er den Kontakt nach und nach verringert und dann schließlich gezielt, ohne wirkliche Aussprache, abbricht – aber zehn Jahre später noch darüberschreibt. Ein funktionierender Prozess der Befreiung kommt vermutlich eher mit einem großen Knall. Der Reifeprozess fehlt.
Vermutlich ist es ein sehr italienischer Roman und der Erzähler selbst hebt es hervor:
„Ich glaube, alldem haftet etwas zutiefst Katholisches und Italienisches an, das vertieft werden müsste, also unserer Art, jede soziale Handlung und jede identitäre Regung auf die Familie zu schieben […]“.
Die Familie an sich selbst bleibt ein Schicksal.
Im Zirkel diskutieren wir auch über nichtverarbeiteten Faschismus, Schwarze Pädagogik, kommunistischen Terror, patriarchale und finanzielle Gewalt und Isolation. Wir folgen dem Weg des Erzählers und versuchen uns genauso subjektiv in der Ursachenergründung - das ist Bajani gelungen, wenngleich uns das Verhalten der Personen anstößt und verwirrt. Empfinden wir Empathie für die Frau? Die Meinungen gehen auseinander.