Mūta mišī-ma oder Kampf im Zedernwald     29/09/26

Wir gehen die mesopotamische Heldenreise weiter.

DIE VIERTE TAFEL

Gilgamesch und Enkidu ziehen weiter in Richtung des von Humbaba bewachten Zedernwalds im Libanon. Der König von Uruk möchte für den bevorstehenden Kampf eine Traumprophezeiung und lässt sich von Enkidu „ein Haus des Zaqīqu“ bauen – eine Traumhauchhütte. Zaqīqu ist der akkadische Gott der Träume, aber wohl auch ein Wort für Wind, Traum und Nichts. 

In den nächsten fünf scheinbar immergleichen Nächten hat Gilgamesch fünf verschiedene Träume, die Enkidu, als Wilder natürlich der Magie und der Traumdeutung kundig, als gute Omen bezüglich des bevorstehenden Kampfes deutet. Die Informationen zum letzten Traum fehlen uns heute, doch an dessen Ende hat Gilgamesch jeden Mut verloren und er ist den Tränen nahe.

Die Lösung kommt per Deus ex Machina, pardon, ilu ištu nēpeštim, wie der Babylonier vermutlich sagen würde, durch den Sonnengott und erklärten Feind
Humbabas, Schamasch. Der Gott bekommt das Zweifeln des Königs von Uruk mit und ermahnt vom Himmel her Gilgamesch, dass er sich beeilen muss, da Humbaba sich nicht in seinem schützenden Wald befindet und keine Gelegenheit bekommen darf, in seinen Wald zurückzukehren. Das Jammern des Gilgamesch hat der Wächter des Zedernwaldes allerdings auch vernommen und ist alarmiert. Nun zweifelt auch Enkidu an ihrer Mission, doch gemeinsam raffen sie sich auf und reisen weiter.

„Vergiss den Tod, statt dessen suche nach dem Leben. “ [𒀁]
(mūta mišī-ma balāṭa šeʾi) [𒀊]

Es ist so faszinierend, wie trotz der für uns heute ungewöhnlichen Erzählweise die aufgegriffenen Motive so universell und nachvollziehbar sind. Die Zweifel des Gilgamesch, König und Zweidrittelgott und Enkidus, des gezähmten Wilden bezüglich des Kampfes mit dem Zedernwaldwächter haben etwas zutiefst Menschliches und überhaupt nicht die Unverwundbarkeit eines unbesiegbaren Heldenmythos oder modernen Superhelden, der häufig vielleicht körperlich an seine Grenzen kommt gegen übermächtige Gegner, aber nicht mental oder emotional. Maul [𒀁] erklärt im Kommentar, dass es die Auren Humbabas sind, die auf die beiden wirken und die Zweifel säen, aber es ist beeindruckend, diese menschliche Schicht in diesem alten Mythos zu lesen. Ich habe sie nicht wirklich erwartet, wenn ich an einen Jahrtausende alten Heldenmythos denke, verleiht sie ihm doch etwas sehr Reales, abseits vom Mythischen.

DIE FÜNFTE TAFEL

Sie erreichen den Zedernwald und finden die Spuren des mächtigen Humbaba. Der Ton verschweigt uns erneut vermutlich wesentliche Details des ersten Zusammentreffens unserer beiden Helden mit Humbaba. Was wir heute wissen ist, dass die beiden sich erneut aufraffen mussten, um den Wald zu betreten und dort dann auf den Wächter getroffen sind. Humbaba und Enkidu scheinen sich zu kennen; er wirft dem Wilden Verrat vor, lehnt er alsbald ab mit ihm zu reden und durchschaut die Absichten der beiden.

„Es sollen sich doch Dumme, Gilgamesch, mit diesem blöden Menschen beraten!“ [𒀁]
(limtalkū lillū gilgāmeš nuʾû amēlu mīnâ tallikam adi maḫrīya) [𒀊]

sagt Humbaba zu Gilgamesch in Bezug auf dessen Begleiter. Ich bin überrascht von diesen so treffenden, uralten Worten und wie zeitlich universell sie zu sein scheinen. Wieder etwas, mit dem ich nicht gerechnet habe und ich überlege, die Worte auswendig zu lernen. Man weiß schließlich nie, wann man solch eine passende, eloquente, uralte Weisheit gebrauchen kann.

Humbaba spricht Drohungen aus, die Gilgamesch wieder den Mut verlieren lassen und es ist erneut Enkidu, der ihm zuspricht und ihn darauf hin weist, dass es jetzt zu spät ist, denn sie haben Humbaba bereits konfrontiert. 

Doch die Sintflut schicken heißt, die Peitsche zu schlagen! [𒀁]
(šapāru abūba ištuḫḫa lapātu) [𒀊]

Der Kampf entbrennt, die Traumprophezeiungen werden zum Teil wahr (zumindest was bis heute erhalten ist), und sie nehmen Humbaba seine magischen Auren ab, doch der Wächter ist noch nicht besiegt und erscheint weiterhin übermächtig.

Erneut ist es ihr göttlicher Verbündeter, der Sonnengott Schamasch, der - ilu ištu nēpeštim - eingreift und seine dreizehn Winde gegen den Wächter schickt. Er hatte es in Tafel III bereits angekündigt.  Die Winde fesseln Humbaba und Gilgamesch überwältigt ihn endgültig. Er fleht um sein Leben und bietet dem König von Uruk seine Unterwerfung  an. Als sich Gilgamesch nicht empfänglich zeigt, versucht Humbaba sein Glück bei Enkidu, doch dieser empfiehlt Gilgamesch nur, Humbaba zu töten. Für eine übermächtige Bestie und einen gottgeschaffenen, magischen Wächter jammert Humbaba erstaunlich viel, eine stereotypische Einordnung als stumpfes Böses wird ihm nicht wirklich gerecht. Schließlich kann Enkidu Gilgamesch aber überzeugen, die Bestie zu töten.

Nach dem Sieg über Humbaba fällen sie Zedern und sammeln Bauholz, wobei Enkidu eine Tür für den Tempel von Nippur schafft, eventuell, um
Enlil, den Erschaffer des Wächters und Gott des Tempels in Nippur, zu besänftigen. Der Göttervater Enlil wird schon seine Beweggründe gehabt haben, Humbaba als Wächter des Zedernwaldes zu erschaffen und ihn mit dem Schutz des Waldes zu beauftragen.  Aber für Gilgamesch und Enkidu zählt jetzt, dass das im Zweistromland rare, aber für Paläste und Tempel gebrauchte Holz aus dem Libanon genutzt werden kann, um die Städte auszubauen. 


[𒀀] Das Gilgamesch Epos, Überarbeitete Übersetzung von Hermann Ranke, 2025, Nikol Verlagsgesellschaft 
[𒀁] Das Gilgamesch-Epos, Neu übersetzt und kommentiert von Stefan M. Maul, 2024, Verlag C.H. Beck 
[𒀂] The Babylonian Gilgamesh Epic - Introduction, Critical Edition and Cuneiform Texts - Volume 1, A.R. George, 2003, Oxford University Press
[𒀃] Mesopotamien - Die Frühen Hochkulturen an Euphrat und Tigris, Karen Radner, 2017, Verlag C.H. Beck 
[𒀄] Sumerer und Akkader, Gebhard J. Selz, 2016, Verlag C.H. Beck
[𒀅] Ancient Mesopotamia: Portrait of a Dead Civilization, A. Leo Oppenheim, 1977, University of Chicago Press
[𒀆] Die Babylonier, Michael Jursa, 2004, Verlag C.H. Beck 
[𒀇] Die Assyrer, Eva Cancik-Kirschbaum, 2015, Verlag C.H. Beck
[𒀈] Die Hethiter, Jörg Klinger, 2007, Verlag C.H. Beck
[𒀉] Poem of Gilgameš Chapter Standard Babylonian III. With contributions E. Jiménez and G. Rozzi. Translated by Anmar A. Fadhil, Andrew R. George and Wasim Khatabe, 2022,  A. R. George, electronic Babylonian Library
[𒀊] Poem of Gilgameš Chapter Standard Babylonian V. With contributions E. Jiménez and G. Rozzi. Translated by Andrew R. George, 2022,  A. R. George, electronic Babylonian Library