Percival Everett James oder Oxford am Mississippi     25/10/26

Die neue Aufgabe in meinem neulich beigetretenen Literaturzirkel lautete „James“ von Percival Everett. Erschienen 2024 und ausgezeichnet mit dem National Book Award for Fiction und dem Pulitzer Prize for Fiction (2025). Es ist in gewisser Weise eine Nach- und Neuerzählung von „The Adventures of Huckleberry Finn“ von Mark Twain aus der Sicht des schwarzen Sklaven Jim. Es traf sich einigermaßen gut, denn vor etwa zwei Jahren habe ich auf einer 46 Stunden dauernden Rückreise aus dem Süden Arizonas das Original gelesen. Leider hatte ich mir damals wegen der Umstände keine großen Notizen gemacht, aber zumindest der Anfang, an dem sich James noch näher am Original hält, rief einige Erinnerungen hervor.

Die Stärken des Buches liegen vor allem im ersten Teil, wenn die ersten Episoden der Abenteuer von Huck hauptsächlich aus der Sicht des Sklaven Jim erzählt werden. Es hat eine gewisse Frische, wenn Ereignisse, die Twain aus der Sicht der Kinder Huck und Tom Sawyer beschreibt, aus Jims Sicht beschrieben werden, der die sich an ihn anschleichenden Kinder natürlich bemerkt, aber da er Erwachsener und vor allem Sklave ist, bei ihren Streichen natürlich mitspielt.

Die Schwäche des Buchs zeigt sich aber im politischen Minenfeld, in dem es sich bewegt. Everett lässt die Sklaven nicht nur in einem authentischen Dialekt oder fiktiven Slang reden (so wie Twain), sondern untereinander auch im perfekten Englisch. Der Dialekt ist nur antrainiert, um ihre angebliche und erwartete Unterlegenheit gegenüber den weißen Sklavenhaltern auszudrücken und gerecht zu werden. Was auf den ersten Blick wie eine clevere Idee wirkt, entpuppt sich als entwürdigendes, sich selbst leugnendes Ritual. Es hat etwas Absurdes, dass das Ideal einer gebildeten Hochsprache dann doch die der europäischen (weißen) Aufklärung ist und mir stellt sich die Frage, ob sie überhaupt noch amerikanisches Englisch sprechen oder doch schon Oxford-Englisch. Es ist eine klare Ablehnung von soziokulturellen Dialekten, obwohl Dialekte und Akzente ein wesentlicher Teil der Identität sind, die hier geleugnet und zum reinen Unterdrückungswerkzeug erklärt werden. Es ist eben keine Emanzipation und Anerkennung der eigenen Kultur und ihrer kulturellen Errungenschaften, sondern ein angenommenes, weißes bildungsbürgerliches Ideal, das propagiert wird. Es irritiert mich, dass er in seinem Gedankenexperiment den Schwarzen nicht ihren authentischen Dialekt gibt (im Gegensatz zu Twains fiktiven Minstrel-Slang) und ihnen in diesem eigenen Dialekt Intelligenz und Bildung zugesteht. Stattdessen müssen sie einem heutigen, weißen Ideal folgen.

Ich habe eine andere Wahrnehmung vom Wesen von Sprache, von Dialekten: Heimat, Zugehörigkeit, Wärme, gewachsene Kultur und gelebte Identität. Normalerweise sprechen Menschen vor allem dann im Dialekt, wenn sie unter sich sind – zuhause, wenn jeder die gleiche Sprache, den gleichen Dialekt spricht und versteht. Und mit Außenstehenden wechselt man zur kühlen, kodifizierten Hochsprache, des Verständnis wegen. Er dreht es um, degradiert den Dialekt zum Theaterstück und erhebt die Hochsprache zum Bildungs- und Intelligenznachweis.

Auch die persönliche Entwicklung von Jim ist ziellos und beliebig. Am Anfang werden im großen Ausmaß die religiösen Zustände diskutiert und es scheint, als sei Jim nach seiner Flucht auf einer Bedeutungssuche als (freier) Sklave. Seine Familie aus der Sklaverei zu befreien hat er zwar angeblich klar als Ziel, aber er handelt nicht so, weil Everett bis fast zum Ende der Geschichte dem Text von Twain folgt (inklusive der ausufernden Episoden mit König und Dauphin).

Überraschend und absurd wird es mit der grotesk anmutenden Vaterschaftsenthüllung, die danach einfach bedeutungslos im Raum hängt. Zu keiner Zeit wird dieser Umstand in irgendeiner Weise angedeutet (außer, dass Jim ja fast so helle Haut hat wie Huck…). Jims Beziehung zu Huck wurde nie als die eines, wenn auch geheimen, Vaters thematisiert, sondern als die eines erwachsenen Mannes, der aus reinem menschlichen Anstand heraus versucht, auf
ein Kind aufzupassen. Die Gleichgültigkeit gegenüber Huck vor allem am Ende, bricht mit dem gezeigten Bild von einem Vater Jim, dessen oberstes Ziel es ist, seine Frau und Tochter zu befreien.

Nicht nur Jims Charakter ist schwer zu fassen. Im Buch leben keine Charaktere, nur Statisten und Funktionsträger, skizzierte theoretische Konzepte. Vor allem die Sklaven bleiben blass und sind nicht mehr als Namen. Kaum habe ich das Buch zugeschlagen, fällt mir abseits von Jim und Norman (der mir nur durch die Länge seiner Statistenrolle im Gedächtnis blieb) kein einziger Name mehr ein. Der Idee wurde die menschliche Tiefe geopfert. Im Gedächtnis geblieben sind mir nur die Charaktere, die Twain geschaffen und Leben eingehaucht hat. Mir scheint, dass es schlimmer ist, einen Namen zu haben, aber charakterlos zu sein, als ein namenloser Charakter zu sein.

Am Ende verliert sich das Buch komplett und verkommt zum Extremen. Die Vorlage von Twain wird komplett verlassen, was dem Buch erzählerisch nicht guttut. Die Ereignisse überschlagen sich, es kommt zu Mord, Vergewaltigung und Sklavenzuchtfarmen, ohne erzählerischen Raum für Reflexion zu bieten. Die Geschichte sucht nach einem schnellen Ende, was mit jedem vorher etablierten Erzähltempo bricht. Keine Frage, die Ereignisse treffen einen in die Magengrube, aber im entscheidenden Moment vergisst Jim seine Familie und zieht Wut und Gewalt vor?

Ich verstehe, wieso das Buch beliebt ist und Preise abgeräumt hat, weil es einen Zeitgeist trifft und ich habe großen Respekt und Anerkennung für die Idee, die Abenteuer von Huck aus einer anderen, kreativen Perspektive zu erzählen. Die Umsetzung wurde allerdings sehr politisch und hat dabei jede subtile, ent- und bewaffnende Schärfe verloren, die es hätte haben können. Wenn man ehrlich ist, kann man sich die Frage stellen, ob das Buch die gleiche Aufmerksamkeit bekommen hätte, wenn Everett nicht die amerikanische Geschichte schlechthin, „The Adventures of Huckleberry Finn“, als Ausgangspunkt genommen hätte, sondern seine eigene Geschichte zur gleichen Zeit spielend geschrieben hätte. Vermutlich nicht im Ansatz.