La Jetée oder Eine stehende Zeitreise 13/10/26
Es sind die Tiefen des Internets und das doch immer wieder unerwartete Entdecken einer mir vollkommen neuen Erfahrung, die das für mich hier so spannend machen. Diesmal ist es La Jetée (1962) oder Am Rande des Rollfelds, ein Photoroman, ein aus schwarz-weißen Standbildern zusammengesetzter, 28-minütiger Experimentalfilm des Franzosen Chris Marker.
Die Handlung ist erstaunlich dicht für das gewählte Format und die kurze Laufzeit, lässt sich aber doch mit einigen Sätzen, die der Wucht und Atmosphäre des Films nicht gerecht werden, zusammenfassen. Ein Mann erinnert sich an das Gesicht einer Frau und das Sterben eines Mannes am Flugfeld von Paris-Orly, ehe der dritte Weltkrieg ausbricht. Der Krieg macht die Welt unbewohnbar, doch in den Kellern der Stadt haben sich die sich als Sieger bezeichnenden mit ihren Gefangenen zurückgezogen und führen Menschenversuche durch, um in die Zukunft zu reisen und Lebensmittel, Medikamente und Energie zu besorgen. Es ist nicht ohne, denn das Zeitreisen bricht die Menschen mental und macht sie verrückt. Unser Mann ist eines der Versuchsopfer und trainiert das Zeitreisen durch Reisen in die Vergangenheit mithilfe der Erinnerung an den Moment auf dem Flugfeld. Die intensive Beziehung zur Frau vom Flugfeld in der Vergangenheit führt dazu, dass er schließlich in die Zukunft reisen kann und seinen Auftrag erfüllt. Nun für die Sieger nutzlos geworden, fürchtet er um sein Leben, doch die Menschen der Zukunft bieten ihm an, einer von ihnen zu werden, doch er entscheidet sich schicksalshaft für die endgültige Reise in die Vergangenheit.
Es ist faszinierend, wie gut der technisch-farblose Photoroman funktioniert und wie beeindruckend die düsteren, fast horrorartigen Standbilder mit der Stimme des Erzählers, der theatralen Musik und dem Gemurmel der Sieger zusammenwirken. Ich schaue ihn im französischen Originalton mit englischem Untertitel und dem deutschen Getuschel der Versuchsleiter.
Vor allem die im ersten Teil des Films immer wieder auftauchenden zertrümmerten Menschenstatuen, die für uns ebenso leb- und bewegungslos sind wie die Bilder der Schauspieler, die wir sehen, zeigen die im Menschen verdeckten Narben und Trümmer des Films und schaffen einen erstaunlichen Kontrast. Mit der entscheidenden Begegnung mit der Frau aus der Vergangenheit verschwinden die Bilder der Statuen und als Kontrast zur Vergangenheit treten vermehrt die Standbilder der apparatesken Gesichter der Versuchsleiter und des leidenden Mannes auf.
Der Mann und wir selbst wissen nicht, ob es Träume, Erinnerungen oder wirklich eine Zeitreise ist, die er erlebt. Für die Frau ist er ein auftauchender und wieder verschwindender Geist, aber ist sie auch nur eine Figur seiner Erinnerung, seines Traums? Die Auflösung kommt unerwartet, mit einer Intensität, die mich vollkommen überrascht hat und das Potenzial des Photoromans und das Können des Regisseurs zeigt. Es ist eine Schlüsselszene, als sie, die Frau, aufwacht – und aufwacht. Für eine Sekunde. Für eine Sekunde lebt sie und sagt uns: Ich lebe, ich bin real. Ich bin mehr als eine Erinnerung. Sie bricht das Medium, die erlebte Realität mit einer unerwarteten Wucht und lässt keinen Zweifel, dass es zwei Realitäten gibt.
Am Ende bieten die Menschen der Zukunft, selbst nur Zeitreisende wie er, die Rettung der Zukunft, doch er entscheidet sich für das komplette Gegenteil. Die einzige Erinnerung seiner Kindheit, der Moment am Flugfeld mit der Frau, welche ihm die mentale Stärke gab, die Vergangenheit wieder zu erleben, die Zukunft überhaupt erst zu erreichen und nicht verrückt zu werden, während dieser Zeitreisen, hält ihn weiter im Bann. Als Mann, nicht als Kind, kehrt er in diese Zeit zurück und kurz vorm ersehnten Wiedersehen mit der Frau realisiert er, dass er der Mann ist, den er als Kind am Flugfeld sterben sah und dass auch er nicht der Zeit und damit auch seinen Erinnerungen entkommen kann. Teil der Erinnerung, die ihn am Leben hielt, die ihn durch die Zeit reisen ließ, bis in die Zukunft, war die seines eigenen Todes.