Schoiße! (Merdre!) oder König Ubu 28/08/26
Ich erinnere mich nicht mehr genau, wann und wie ich auf Alfred Jarrys groteskes Theaterstück aufmerksam wurde, ich vermute es war im Zusammenhang mit „unsympathischen Hauptcharakteren in der Literatur“. Ich bestellte mir eine Ausgabe in der deutschen Übersetzung von Ulrich Bossier und nahm sie in meine Remota-Sammlung auf. Zum Hintergrund des Stückes sollte man wohl erwähnen, dass der Urtext von Jarry als Schüler über einen exzentrischen Lehrer geschrieben wurde, dann überarbeitet, schließlich zu einem Theaterskandal in Paris am Ende des 19. Jahrhunderts
führte.
Hauptfigur ist der namensgebende Vater (und später kurzzeitige König) Ubu, eine grotesk-karikatureske Gestalt, fett, stinkend, unförmig, körperlich unbeholfen, dem Fäkalen zugeneigt mit einem seinem Äußerlichen entsprechenden Charakter. In macbeth‘scher Manier angestachelt von seiner Frau, Mutter Ubu, trachtet er nach dem Thron von Polen, wobei ihn vor allem die Aussicht auf einen großen Kalabreserhut, einen Regenschirm und
einen weiteren Mantel mit Kapuze motivieren. Um das zu erreichen, sollen König Wenzeslas von Polen und seine gesamte Familie einfach ermordet werden. Hierzu gewinnt er zudem Hauptmann Bordure als Mitverschwörer und beim großen Mahl der Verschwörer verfüttert Vater Ubu charakterecht eine Klobürste an Bordures Männer.
Die Figur Ubu und sein Charakter sind faszinierend in ihrer klaren Überzogenheit. Er ist charmant („Mutter Ubu, du bist ja mal wieder besonders hässlich heute. Bestimmt weil wir Gäste haben, oder?“, (I, 2)), ehrenvoll („Oh, ich hab eine Idee: Ich sag einfach, Mutter Ubu und Bordure waren’s“, (I, 5)), taktvoll („Aber seid so gut und nehmt diese kleine Trillerpfeife als Geschenk" (Er reicht dem König eine Trillerpfeife), (I, 6)), treu („Am liebsten würd ich gleich hinwetzen zu ihm und euch anzeigen, dann wär ich aus der Patsche. Vielleicht gäb der mir sogar noch Kleingeld dafür.“, (I, 7)), mutig („Ach Bordure, ich hab Angst! Laßt mich fort.“, (II, 4)), großzügig („Noch mal: ich will mich bereichern. Ich rücke keinen Pfennig raus.“, (II, 6)), weitsichtig („Mit dem System werde ich schnell vermögend. Dann bringe ich alle um und mach mich davon.“, (III, 5)), und pazifistisch („Bitte sehr, führen wir halt Krieg, wenn ihr so wild darauf seid, aber ausgegeben wird dafür kein Pfennig.“, (III, 8)). Ein wahrer König eben.
Auch ist er Sozialreformer, lässt den Adel enthirnen und nimmt deren Reichtümer an sich, unterscheidet dabei nicht mal zwischen reichen und verarmten Adeligen. Auch die Justiz reformiert er grundlegend. Nachdem die Richter nicht auf ihr Gehalt verzichten wollen und seinen Vorschlag ablehnen, von ihren verhängten Geld- und Todesstrafen zu leben, nimmt er die Rechtsprechung selbstlos selbst in die Hand. Ähnlich verfährt er mit der Steuereintreibung, reist schließlich selbst von Haus zu Haus und tötet jene, die die neuen Steuern nicht bezahlen können.
Die Umstände sind ihm aber nicht hold, er wird gestürzt und die Ubus landen in einer Höhle, mit einem Bären und zwei Spießgesellen. Nur durch den unfassbaren Mut König Ubus, der nicht das weltliche, sondern das geistliche Schwert des Glaubens führte und zusätzlich auf einen Felsen kletterte, um mit seinen Gebeten dem Himmel näher zu sein, gelingt es den Spießgesellen, den Bären zu besiegen. Schlussendlich aber, bleibt den Ubus trotzdem nur das Exil.
Das Faszinierende am Stück ist die pure Ungerechtigkeit. Wie kann solch eine Person solch ein Schicksal erleiden? Wo bleibt die Gerechtigkeit? Und dann erinnert es ein bisschen an die Realität und das ist es, was das Stück in seiner ganzen Absurdität und Groteske so stark macht. Die Welt ist nicht notwendigerweise gerecht und Tugenden und Laster haben wohl weniger Einfluss auf den Lauf der Dinge, als man es gerne hätte. Selten wird jemand so belohnt oder bestraft, wie es unser Gerechtigkeitssinn verlangt, das geistliche Schwert des Glaubens an die Gerechtigkeit versagt, das physische Schwert der Realität gewinnt.
Manches Gebaren erinnert grotesk an heutige politische Zustände in der Welt. Ubu hat kein moralisches Prinzip oder gar Konzept und gibt auch nicht vor eines zu haben. Er ist sich selbst am nächsten, gibt offen zu, sich nur bereichern zu wollen. Wenn er in eine Machtposition kommt, nutzt er sie grausam aus und schreckt vor nichts zurück. Das Volk kümmert ihn nur so weit, dass es ihm ja Steuern zahlen soll. Die Bürokratie des Staates wird umgekrempelt, die Gewaltenteilung erschüttert, die Steuern für die eigene Tasche erhöht. Aber wenn es für ihn gefährlich wird, wird er zuerst wehleidig und versucht sich dann mit allen Mitteln zu retten, im Notfall rennt er davon. Es ist die Konsequenzlosigkeit für dieses unmoralische, tugendlose Verhalten, welches offen schamlos zur Schau gestellt wird und das einen fragend zurücklässt.
„Du Dreckstück! Ist das schlechte Recht nicht ebenso Recht wie das gute?“ (III, 1)