Ana kāri ša uruk ṭiḫâ ina šulmi oder
Der Beginn einer Heldenreise    09/08/26

Die nächsten Tafeln sind leider noch bei weitem nicht vollständig rekonstruiert.

DIE ZWEITE TAFEL

Auch wenn Enkidu nach dem Sex mit Schamchat Mensch geworden ist und Sprache versteht, ist seine Kultivierung noch nicht abgeschlossen. Es ist wieder Schamchat, die ihn mit Kleidung versorgt, zu den Lagern der Hirten führt und ihn dort lehrt, Brot zu essen und Bier zu trinken. Das, was Kulturländler eben tun und Wilde nicht. Zur Menschwerdung reicht Sex, zur wahren Kultivierung bedarf es doch mehr. Als eine Art Gegenleistung behütet Enkidu nachts die Hirten und erschlägt Wölfe und Löwen. Der Wilde hat die Wildheit endgültig hinter sich gelassen und siegt gegen und über die wilden Tiere.

Anschließend sind leider Großteils nur Fragmente erhalten, Professor Maul bietet eine Zusammenfassung basierend auf erhaltenen Fragmenten der altbabylonischen Fassung an [𒀁]. Gilgamesch zeigt sein ganzes Gesicht als Tyrann und ein junger Mann berichtet, dass der König bei Hochzeiten in Uruk
immer das „Recht der ersten Nacht“ (ius primae noctis) einfordert, was Enkidu bleich werden lässt. Selbst der Kürzlichstkultivierte wird abgestoßen von den Machenschaften des mächtigen Zweidrittel-Gottkönigs. Der König ist ein egoistischer Grenzüberschreiter, das ius primae noctis ist tatsächlich aus anderen mesopotamischen Quellen bisher unbekannt [𒀁].

Enkidu stellt sich König Gilgamesch in den Weg, lässt ihn das Hochzeitshaus, in dem das Hochzeitsbett bereits vorbereitet ist, nicht
betreten und sie geraten in Streit.

„Die Türwangen bebten, die Wände wankten.“ [𒀁]

Dann schweigt der Ton. Keine Fragmente, die den Kampf beschreiben, haben bis heute die Zeit überdauert. Lacuna – eine Lücke, klafft im Text. Der Kampf bleibt wohl unentschieden. Aus dem folgenden Text kann man schließen, dass aus den Kämpfenden Freunde wurden. Was passierte, bleibt wohl vorerst nur unserer Phantasie überlassen.

Das Fehlen der Textstellen und die damit einhergehende Enttäuschung sind eine Besinnung, auf das, was ich eigentlich gerade tue. Ich lese und schreibe über einen jahrtausendealten Text einer so fremden Kultur, geschrieben in einer ausgestorbenen Sprache aus einer anderen Zeit, mit viel Mühe und Arbeit so gut es geht rekonstruiert. Es hat etwas Magisches, Einschüchterndes, Beeindruckendes und Faszinierendes.

Während Gilgamesch seinen neuen Freund seiner Göttermutter Ninsun vorstellt, wird Enkidu aus nicht klar erhaltenen Gründen allzumenschlich und
bricht weinend zusammen. Die vielleicht tröstende Rede des Königs ist nicht erhalten, aber er schlägt vor, vielleicht um Enkidu abzulenken 
 [𒀂], gemeinsam gegen Humbaba, den Wächter des Zedernwaldes, zu ziehen. Humbaba, ein Ungeheuer, von Enlil geschickt, um die Zedern vor den Menschen zu schützen. Holz war im alten Zweistromland Mangelware und von den großen Königen Sargon und Naram-Sin sind Expeditionen zum Fällen von Zedern in den Libanon und ins Amanusgebirge belegt [𒀂].

Doch selbst der König kann nicht einfach gegen das Ungeheuer ziehen, sondern braucht die Zustimmung des Rats der wehrfähigen Männer und des
Ältestenrats. Um den Segen der wehrfähigen Männer zu erhalten, verspricht Gilgamesch, dass sie nach seiner Rückkehr das Neujahrsfest zweimal im Jahr feiern werden. Tatsächlich feierten sie in Uruk wohl einmal beim ersten Frühjahrsmond und später nochmal im Herbst das Neujahrsfest [𒀁]. Enkidu
versucht die Räte dazu zu bewegen, ihren Segen nicht zu erteilen, da er am Erfolg zweifelt und auch der Ältestenrat zweifelt.

„Es hörte Gilgamesch das Wort der Berater des Ältestenrates,
er schaute auf, und lachend sagte er zu Enkidu: “ [𒀁]

Der Rest der Tafel fehlt. 

Zufall oder Schicksal verwehrt uns erneut einen vermutlich wesentlichen Teil des Epos und überlässt es unserer Phantasie. Aber eine Heldenreise beginnt.

DIE DRITTE TAFEL

„Zum Kai von Uruk kehre wohlbehalten wieder! “ [𒀁]
(ana kāri ša uruk ṭiḫâ ina šulmi)

Vermutlich einer der Ältesten gibt Gilgamesch letzte Ratschläge und übergibt ihn dann in die Obhut seines Freundes Enkidu, welcher dafür sorgen soll, dass der König wohlbehalten zurückkehrt. Gilgamesch möchte allerdings noch nicht aufbrechen, sondern seine Göttermutter Ninsun besuchen und um ihren Rat und Segen bitten.

Aber Wildkuh-Ninsunna hört besorgt die Worte ihres Sohnes und vollführt uns weitestgehend unbekannte Rituale, wobei sie die Unterstützung des Sonnengottes Schamasch sucht. Schamasch hasst Humbaba aus uns unbekannten Gründen und er soll Gilgamesch während seiner Reise am Tag beschützen. Nachts soll Schamaschs Frau, Aja, die personifizierte Dämmerung [𒀁] intervenieren und ihre Söhne, die Wächter der Nacht, sollen ihn beschützen. Tatsächlich teilten die Babylonier die Nacht in drei Nachtwachen ein [𒀁] . Doch damit nicht genug, Ninsun bittet Schamasch auch mit einem gewaltigen Unwetter aus 13 Winden in den bevorstehenden Kampf gegen Humbaba auf der Seite von Gilgamesch und Enkidu einzugreifen. Um die Unterstützung des Sonnengottes zu sichern, erinnert Ninsun ihn daran, dass sie die Zukunft sehen kann und es so kommen muss, da es Gilgameschs Bestimmung ist, erst am Ende seiner Abenteuer zu sterben und schließlich zum Gott erhoben zu werden. Nicht ganz unser heutiges Verständnis von Dramaturgie.

Nach dem Ritual spricht Ninsun mit Enkidu und adoptiert ihn als Sohn in ihre Familie, wobei sie nicht nur ihn, sondern alle Findelkinder, die nun in die Obhut des Tempels von Uruk kommen sollen, adoptiert. Vermutlich eine ätiologische Erklärung für die belegte Aufnahme von Findelkindern am Tempel in Uruk [𒀁].

Mit den benötigten Segen brechen Gilgamesch und Enkidu auf. 

„Mein Freund, schicke all diese Leute zurück,
Die Straße ist (ein Weg), der für jene nicht geeignet ist (...). “ [𒀁]




[𒀀] Das Gilgamesch Epos, Überarbeitete Übersetzung von Hermann Ranke, 2025, Nikol Verlagsgesellschaft 
[𒀁] Das Gilgamesch-Epos, Neu übersetzt und kommentiert von Stefan M. Maul, 2024, Verlag C.H. Beck 
[𒀂] The Babylonian Gilgamesh Epic - Introduction, Critical Edition and Cuneiform Texts - Volume 1, A.R. George, 2003, Oxford University Press
[𒀃] Mesopotamien - Die Frühen Hochkulturen an Euphrat und Tigris, Karen Radner, 2017, Verlag C.H. Beck 
[𒀄] Sumerer und Akkader, Gebhard J. Selz, 2016, Verlag C.H. Beck
[𒀅] Ancient Mesopotamia: Portrait of a Dead Civilization, A. Leo Oppenheim, 1977, University of Chicago Press
[𒀆] Die Babylonier, Michael Jursa, 2004, Verlag C.H. Beck 
[𒀇] Die Assyrer, Eva Cancik-Kirschbaum, 2015, Verlag C.H. Beck
[𒀈] Die Hethiter, Jörg Klinger, 2007, Verlag C.H. Beck