Orientierung oder
Der Beginn eines Streifzugs nach Mesopotamien 28/06/26
Es hat etwas Magisches, vielleicht sogar Einschüchterndes, einen Text zu lesen, der viele tausend Jahre alt ist und - in gewisser Weise - bis heute erhalten geblieben ist.
Wenn man denn dazu kommt, den Text zu lesen.
Ich lese viel und mag es noch mehr, über das Gelesene nachzudenken. Ich hatte mich vor einiger Zeit ausführlicher mit Literaturtheorie beschäftigt, aber das führt jetzt hier zu weit – oder sagen wir zu weit in die falsche Richtung. Um hier zumindest in dieser falschen Richtung - die Abkürzung zu nehmen: Ich denke, dass neben dem reinen Lesegenuss der Absorptionsprozess – die Aufnahme der Nährimpulse des Gelesenen in den gedankenoffenen Geist – das größte Vergnügen für mich ist. Und da ich es so gerne tue, wollte ich Teile davon hier festhalten, weil ich dazu neige, das ein oder andere Gedachte zu schnell wieder zu vergessen.
Und als jemand, der einem grundlegenden Ritualismus oder Symbolismus viel abgewinnen kann, stellte sich dann natürlich die Frage: Mit was anfangen? Also habe ich mich in meiner feinen Privatbibliothek umgeschaut und habe mir schließlich das Älteste gegriffen, was ich gefunden habe.
Das Älteste im Sinne der Entstehung.
Der Anfang zum Anfang, sozusagen.
Das Gilgamesch-Epos.
Vor einiger Zeit hatte ich mal für wenig Geld ein außenleichtbeschädigtes Mängelexemplar des Gilgamesch-Epos in der Buchhandlung meines Vertrauens
erworben und es befand sich seitdem auf meiner imaginären literarischen Liste der Schande. Beim ersten Aufschlagen meines Mängelexemplars verriet mir das Impressum, dass es sich bei dem mir vorliegenden Text um eine Neuauflage der Übersetzung von Professor Hermann Ranke (1878-1953) aus dem Jahre 1924 handelt [𒀀]. Was bei mir die Frage auslöste: Was hat sich in den letzten hundert Jahren in der Assyriologie eigentlich getan?
Stellt sich raus, einiges. Vermutlich viel?
Ich habe wenig Ahnung von altorientalischer Literatur. Wenig Orientierung, sozusagen.
Also Abhilfe schaffen.
Ich habe mir eine zweite Ausgabe des Gilgamesch-Epos besorgt [𒀁], neu übersetzt vom Altorientalisten Professor Stefan M. Maul (1958-) und nach dem Lesen der Einführung habe ich mich, gefangen vom Nährimpuls, durch den ersten Teil (150 Seiten...(!)) der Einführung der wissenschaftlichen Edition des Epos inklusive der ausführlichen Erläuterungen und Kommentaren von Professor Andrew R. George (1955-) [𒀂], gekämpft.
Meine Laienneugier wurde allerdings dann gebrochen (zumindest was die Übersetzung vom Epos betrifft), als es im zweiten Teil der Einführung um die konkrete Übersetzung der verschiedenen gefundenen altbabylonischen, mittelbabylonischen und assyrischen (und hethitischen und hurritischen...) Tafeln und Fragmente ging. Zumindest in dieser Richtung, vertraue ich dann ganz der Expertise von Professor Maul und seiner deutschen Übersetzung. Bis dahin allerdings war es erstaunlich interessant und lehrreich und ich kann die Lektüre jenen, die dazu neigen, Ausfahrten zu verpassen, nur empfehlen.
Meine Neugier wurde gebrochen, aber noch nicht gestillt. Sumerer, Akkader, Assyrer, Babylonier. Die Geschichte einer vergangenen, realen Welt baut sich mir auf, vor tausenden Jahren, im Zweistromland, im Kern dem heutigen kriegsgeplagten Irak. Ich bin geschichtsinteressiert, Hammurabi und sein Codex, Babylon und sein Turm und seine hängenden Gärten, sind mir ein Begriff. Doch das wars.
Doch die unfassbare Innovation der Keilschrift (Cuneiform), die wohl für gewöhnlich in beständige Tontafeln gedrückt wurde und es so noch heute teilweise erlaubt, die Geschicke von damals nachzuvollziehen, als auch die unfassbare Courage einer kleinen Gruppe von Menschen weltweit, die als Jugendliche oder junge Erwachsene wohl eines Morgens aufwachten mit der festen Überzeugung, dass es eine gute Idee ist, Altorientalistik oder ein verwandtes Fach zu studieren, dass es wert ist, sein (Arbeits-)Leben einer oder mehreren vor Tausenden von Jahren untergegangenen Zivilisationen zu widmen, und scheinbar auch nicht davor zurückschrecken, Feldforschung vor Ort zu betreiben, ließ mich nicht los.
Deswegen habe ich mir noch mehr (Fach-)Literatur besorgt und gelesen, um tiefer einzusteigen in diese faszinierende, vergangene Realität und um auch das Epos von Gilgamesch, der Ausgangsimpuls, besser zu verstehen. Ich will die Gedanken und Ideen, die sich aus der Beschäftigung mit dieser Zeit ergeben, in nächster Zeit weiterverfolgen und festhalten. Ich werde hier, halbwissenschaftlich (eher zur Übersicht), jene Werke festhalten, die ich gelesen habe. Und aus Spaß, zu meiner eigenen Belustigung, nehme ich Keilschrift zur Referenzierung.
[𒀀] Das Gilgamesch Epos, Überarbeitete Übersetzung von Hermann Ranke, 2025, Nikol Verlagsgesellschaft
[𒀁] Das Gilgamesch-Epos, Neu übersetzt und kommentiert von Stefan M. Maul, 2024, Verlag C.H. Beck
[𒀂] The Babylonian Gilgamesh Epic - Introduction, Critical Edition and Cuneiform Texts - Volume 1, A.R. George, 2003, Oxford University Press
[𒀃] Mesopotamien - Die Frühen Hochkulturen an Euphrat und Tigris, Karen Radner, 2017, Verlag C.H. Beck
[𒀄] Sumerer und Akkader, Gebhard J. Selz, 2016, Verlag C.H. Beck
[𒀅] Ancient Mesopotamia: Portrait of a Dead Civilization, A. Leo Oppenheim, 1977, University of Chicago Press
[𒀆] Die Babylonier, Michael Jursa, 2004, Verlag C.H. Beck
[𒀇] Die Assyrer, Eva Cancik-Kirschbaum, 2015, Verlag C.H. Beck
[𒀈] Die Hethiter, Jörg Klinger, 2007, Verlag C.H. Beck