Falsadamus oder
Ein Blick durch die Zeit 12/07/26
Es begann damit, dass ich Ende 2024 eine Ausgabe des Magazins „Die Welt in 2025“ gekauft habe, vermutlich als Zuglektüre während der Weihnachtsfeiertage. Diese exklusive Lizenzausgabe des Focus wurde ursprünglich von The Economist herausgegeben, aber von der Redaktion des Focus übersetzt und ein deutscher Sonderteil hinzugefügt. In diesem Magazin kommen diverse Experten und Journalisten zu Worte und beschreiben ihre Erwartungen für das damals kommende Jahr 2025, was natürlich immer etwas undankbar ist.
Weil man so einfach daneben liegen kann. So einfach.
In der Rubrik „Prognose für 81 Länder“ steht für Syrien etwa: „Präsident Baschar al-Assad hat nach mehr als dreizehn Jahren Bürgerkrieg die Kontrolle über den größten Teil des Landes wiedererlangt und ist, unterstützt von Iran und Russland, sicher an der Macht. Eingeschränkte Freiheiten, Mangel an grundlegenden Gütern und höhere Lebenshaltungskosten werden zwar Proteste auslösen, die allerdings werden gewaltsam unterdrückt werden.“
Ich verstehe absolut, wie man annehmen kann, dass sich nach dreizehn Jahren Bürgerkrieg ein gewisser Status Quo gebildet hat, der schon irgendwie weitergehen würde. Allerdings kommt es ganz anders, und noch bevor das Jahr 2025 beginnt, am 8. Dezember 2024, muss al-Assad nach Russland fliehen und die Rebellen übernehmen die Macht. Das hilft dem armen Experten nur nichts, wenn der Redaktionsschluss bereits am 15. November war.
Was mich anfangs etwas amüsiert hat, nicht aus Schadenfreude, sondern allein wegen des Gedankens, wie einfach es ist, falsch zu liegen, hat mich dann nachdenklich gemacht. Wir werden fast täglich mit Vorhersagen über die Zukunft konfrontiert, die mal rosige, mal finstere Aussichten malen, und ich bin mir bewusst, dass die gezeichnete Zukunft nur eine von vielen möglichen Realitäten ist. Aber wie gut – wie treffend - sind die Vorhersagen wirklich? Das wissen wir heute noch nicht, aber wie gut waren die Vorhersagen in der Vergangenheit?
Natürlich gehe ich davon aus, dass die Vorhersagen in unserer heutigen, datengetriebenen Welt besser geworden sind im Vergleich zur Leberschau der Mesopotamier, aber wie sieht es in den letzten Jahren aus? Der große Vorteil unserer daten- und informationsgetriebenen Welt ist auch, dass wir es einfacher überprüfen können. Welche Vorhersage aus der Vergangenheit über die Zukunft, die mittlerweile auch Vergangenheit ist, hat sich bewahrheitet? Welche Hoffnungen, Wünsche, Ängste gab es damals und was wurde Realität?
Das sind Fragen, die mich nicht loslassen, die in mir etwas auslösen, etwas kitzeln, einen Drang es zu erforschen, zu untersuchen, herauszufinden. Ich werde das Archiv zweier deutscher Nachrichtenmedien benutzen, Die Zeit und Der Spiegel. Beide bieten ein Archiv an, das 1946 (Die Zeit) und 1947 (Der Spiegel) mit ihren jeweiligen ersten Ausgaben beginnt und so einen Blick von Heute auf Gestern auf Morgen erlaubt.