Ša naqba īmuru oder Der, der die Tiefe sah   19/07/26

Zurück zum großen Epos. Ich lese die beiden Ausgaben [𒀀, 𒀁] parallel, es hat sich viel getan in den fast hundert Jahren zwischen den beiden Fassungen. Viele Stellen fehlen in der alten Übersetzung, und die neue Übersetzung zeigt sich wesentlich umfassender und präziser - sie bietet auch einen hilfreichen Kommentar.

DIE ERSTE TAFEL

Mit ša naqba īmuru (Der, der die Tiefe sah) bezeichnete man das Epos ursprünglich nach der Regel des Incipit, wie es wohl bereits bei den sumerischen Archivaren üblich war. Das Incipit bezeichnet dabei die ersten Worte des Textes.

„Der, der die Tiefe sah, die Grundfeste des Landes,
der die Wege kannte, der, dem alles bewußt –
Gilgamesch, der die Tiefe sah, die Grundfeste des Landes,
der die Wege kannte, der, dem alles bewußt –“ [𒀁]

Die erste Tafel beginnt damit, der Geschichte Authentizität zu verleihen. Das Beschriebene ist festgehalten, als Tatsachenbericht auf dem Steinmonument an der Mauer von Uruk. Man soll sich die Mauer anschauen, bewundern und feststellen, dass sie niemand nachbilden kann. Man soll auf der Mauer umherwandern, die Ziegelsteine prüfen und das Fundament beschauen. Man soll die Tafelschatulle aus Zedernholz öffnen und die darin befindliche Lapislazuli-Tafel lesen, die das Geheimnis und das Mühsal wiedergibt, welches Gilgamesch erlebt hat.

Während ich das lese und mir vorstelle, vor tausenden von Jahren über die gewaltigen Mauern einer mir fremden, nur in meiner Phantasie entsprungenen Stadt Uruk zu laufen, muss ich an Percy Bysshe Shelleys Ozymandias denken:

[…] – Two vast and trunkless legs of stone
Stand in the desert… near them, on the sand,
Half sunk, a shattered visage lies, […]
And on the pedestal these words appear
"My name is Ozymandias, king of kings
Look on my work, ye Mighty, and despair!"
Nothing beside remains […]

Wenngleich Shelley hier über Ramses II. als Ozymandias schreibt, erfasst es doch bei mir ein ganz ähnliches Gefühl der vergänglichen Unvergänglichkeit. Der alte Glanz ist erloschen, nur Ruinen und Trümmer – oder Textfragmente – bleiben. Die Unvergänglichkeit und Unvergleichlichkeit der Großen einer anderen Zeit war eine Illusion ihrer Zeit und auch nicht, denn tausende Jahre später sind sie noch da, haben die Trümmer aus geschlagenem Stein oder beschriebenem Ton überdauert und geben uns noch heute eine Idee über den alten Glanz.

"Zwei Drittel an ihm sind Gott, doch sein drittes Drittel, das ist Mensch."   [𒀁]

Gilgamesch, der König von Uruk, tyrannisiert das Volk, er kennt nur sein eigenes Vergnügen. Das Volk beschwert sich bei den Göttern, was die Muttergöttin Aruru veranlasst, einen Widerpart zu erschaffen, einen Gegner für den König, der diesen beschäftigt. In der unberührten Natur erschafft sie aus Ton den Wilden Enkidu. Enkidu, nackt, behaart, frisst und tränkt mit den Tieren und wird zum Problem des primitiven, aber zivilisierten Fallenstellers, der folgenden Rat erhält:

„Nimm den Weg, gen Uruk richte deinen Sinn!
Um Enkidu zu bezwingen, bedarf es der Muskelkraft des Menschen nicht!
Geh, mein Sohn, mit dir führe Schamchat die Dirne.
Denn ihre Macht ist der eines mächtigen Mannes gleich.“  [𒀁]

Schamchat, die Dirne, begleitet den Fallensteller zur Wasserstelle, entblößt ihre Reize, lockt Enkidu damit fort von seiner Herde und sie lieben sich sechs Tage und sieben Nächte. Anschließend erkennt die Herde ihren Wilden nicht mehr und flieht, dafür hat der nun Verstand und begreift Sprache.

Die Entwilderung erfolgt spannenderweise nicht mit Gewalt, Kultur oder durch Religion, sondern durch die Entfremdung von der Natur durch das Wirken einer Frau. Das Animalische konnte den weiblichen Reizen nicht widerstehen und nach dem Akt körperlicher Liebe ist Enkidu entwildert, zumindest so weit, dass er Mensch wird - die Frau nimmt dem Wilden die Hörner ab. Aber Schamchat ist als Dirne auch Teil des Kults von Ischtar, ihr Wirken ist nicht ausgeschlossen. Es ist ein spannender Konflikt zwischen der frühen Zivilisation und der Wildnis, ein mögliches Sinnbild für die historischen Konflikte zwischen den sesshaften Mesopotamiern der Städte und Kulte und der nomadischen Bevölkerung des Zweistromlands und deren Nähe zur Natur [𒀃,𒀇].

Schamchat lockt Enkidu dem Plan der Götter entsprechend nach Uruk damit sich dieser dort mit Gilgamesch messen kann, doch dem König haben zwei Träume die Ankunft Enkidus angekündigt. Im Traum erscheint der Wilde als „Brocken des Anum“ [𒀁], ein Meteorit, ein vom Himmel gefallener Stein, dem die Götter Leben eingehaucht haben. Ein nichtirdischer Fremdkörper erscheint, um das Volk von seinem eigenen Tyrannen zu befreien.  


[𒀀] Das Gilgamesch Epos, Überarbeitete Übersetzung von Hermann Ranke, 2025, Nikol Verlagsgesellschaft 
[𒀁] Das Gilgamesch-Epos, Neu übersetzt und kommentiert von Stefan M. Maul, 2024, Verlag C.H. Beck 
[𒀂] The Babylonian Gilgamesh Epic - Introduction, Critical Edition and Cuneiform Texts - Volume 1, A.R. George, 2003, Oxford University Press
[𒀃] Mesopotamien - Die Frühen Hochkulturen an Euphrat und Tigris, Karen Radner, 2017, Verlag C.H. Beck 
[𒀄] Sumerer und Akkader, Gebhard J. Selz, 2016, Verlag C.H. Beck
[𒀅] Ancient Mesopotamia: Portrait of a Dead Civilization, A. Leo Oppenheim, 1977, University of Chicago Press
[𒀆] Die Babylonier, Michael Jursa, 2004, Verlag C.H. Beck 
[𒀇] Die Assyrer, Eva Cancik-Kirschbaum, 2015, Verlag C.H. Beck
[𒀈] Die Hethiter, Jörg Klinger, 2007, Verlag C.H. Beck