Ein Anfang oder Ein Blick mit Hoffnung    26/07/26

Es ist faszinierend, wie viel Spaß es mir macht und wie ich es aufsauge, aber ich sehe kein Ende. Aber ich lerne so viel und drehe mich im Kreis. 

Ich habe mit der ersten Ausgabe der Zeit begonnen, erschienen am 21. Februar 1946. Vor 80 Jahren. Würde man heute 80 Jahre in die Zukunft gehen, wäre man im Jahr 2106. Natürlich, logisch, aber dieser Gedankengang hilft mir immer, die Zeit in Bezug zu setzen. 1946 klingt nicht so lange her. 2106 klingt eine halbe Ewigkeit entfernt. Am 21. Februar 1946 wurde der britische Schauspieler Alan Rickman – Hans Gruber oder Severus Snape – geboren, der nun auch schon wieder zehn Jahre tot ist.

Zurück zur Zeitung. Ich denke, ich habe noch nie intensiver das Gefühl einer Zeitreise erlebt. Es hat fast etwas Voyeuristisches, die Wochenzeitung von damals vollständig zu lesen, die Probleme, Hoffnungen und Nachrichten einer anderen Zeit, anderen Generation, anderer Menschen. Sicher haben sie damals nicht daran gedacht, dass 80 Jahre später, in der fernen Zukunft im Jahr 2026, was für sie ebenfalls so weit entfernt ist, wie für uns 2106, ein armer, rastloser aber bespaßter Narr, vor seinem Rechner sitzt und in den digitalen Archiven ihrer Zeit nachschnüffelt.

Die Welt, mit der ich konfrontiert werde, in die ich eintauche, ist die Nachkriegszeit. Der Krieg ist vorbei – in Europa schon seit Mai 1945, aber es ist noch frisch. Das Ziel der Zeitung ist es nach zwölf Jahren Nazipropagandaschleier eine freie Presse und damit einen freien Geist in Deutschland wiederherzustellen. Die „unbestechliche Wahrheit“ soll es sein, die Vertrauen wachsen lässt und die geistige Belastung wie „die Trümmer in den zerbombten Straßen wegräumen“ soll.

In Deutschland ist die Lage weiter angespannt, die Infrastruktur ist zerstört, die Versorgung vor allem mit Kohle noch nicht sicher. Aber es wird auch gewählt, Parteien entwickeln sich, vor allem zwei: die Christlich-Demokratische Union und die Sozialdemokratie. Gerd Bucerius formuliert dabei eine Mahnung, die auch 80 Jahre später noch aktuell erscheint: "Unsere Neigung, das weltanschaulich Trennende überzubetonen, könnte das politische Auseinanderleben der Länder fördern. Das uns alle Verbindende zu betonen und über die Zeit und aus der Gemeinsamkeit der Not den deutschen Gedanken zu erhalten, ist demgegenüber eine Wichtige Aufgabe der neuen Parteien." Aber es gibt noch mehr; etwa die Reportage eines Heimkehrers aus Südamerika, der mit Verstand den erlebten Eindruck nicht verarbeiten kann und sich den Deutschen fremder fühlt als im Ausland. Oder die Reportage über Bunkermenschen, die in Bunkern ihre Heimat gefunden haben, dortbleiben wollen, weil sie das Leid dort kennen und bloß keine Bilder aufhängen, weil es aus dem Bunker ja ein Heim machen würde.

Der größte Hoffnungstifter erscheint aber in Form der ersten Tagung der Vereinten Nationen in London, in San Franzisko durch die Unterzeichnung ihrer Charta gegründet, bald beheimatet in Neuyork. Zwei Voraussetzungen werden identifiziert für dauerhaften Frieden in dieser Zeit kurz nach dem großen Krieg: unverrückbare moralische Grundsätze und eine Organisation, die die Hohen Gedanken und Idealen mit dem nötigen Nachdruck gegen alle Gewalten vertreten. In San Franzisko ging der Kampf um die Abgrenzung der Befugnisse zwischen der Hauptversammlung und des Sicherheitsrats
in einer Kompromisslösung auf. „Die Lösung war ein Kompromiss. Die Hauptversammlung kann alle Fragen besprechen, sie kann Vorschläge machen und auch die Aufmerksamkeit des Sicherheitsrates auf Zustände lenken, die den Weltfrieden zu gefährden vermöchten. Handeln kann sie nicht. Handeln kann nur der Sicherheitsrat." heißt es mit heutbitterem Geschmack, wenn zwei Sicherheitsratsmitglieder wohl gegen Recht bewaffnete Konflikte führen.

Aber auch International ist die Welt im Umbruch. In Brasilien wurde General Eurico Gaspar Dutra als neuer Staatspräsident gewählt, aus dem kolonialen Rohstoff- und Kaffeeland soll ein moderner, auf sich selbst ruhender Staat werden. In Belgien siegte die Christliche-Soziale Partei in den Wahlen, während der König noch im Exil ist, aber bereit, sich der Souveränität des Volkes zu unterwerfen. Britische Truppen werden Persien und Ägypten verlassen, die Kämpfe in Indonesien entspannen sich, in der Mandschurei beschießen sich kommunistische Truppen und die Kuomintang, doch der amerikanische Sonderbotschafter General Marshall vermittelt. Die große Streikwelle in den USA flaut ab, Präsident Truman schlägt Lohnaufbesserung der Stahlarbeiter vor, die polnische Regierung fordert die Auflösung der polnischen Armee in Italien unter General Anders. Die Welt scheint mir doch wilder als heute, trotz aller Wildheit von heute.

In England, die einzige europäische Großmacht, die ihre politische, soziale und wirtschaftliche Struktur seit 1914 bewahren konnte, siegt die Labourpartei in den Wahlen und die Arbeiterpartei löst die etablierten Adelsparteien, Whigs und Tories, ab. Wird die Auflösung der „splendid isolation“ zu mehr Verbundenheit mit dem europäischen Festland führen? Vermutlich, vermutlich bis neue, ungeahnte Kräfte sie wieder aus dem europäischen Kreis führen.

In Spanien herrscht noch Franco, doch er scheint zu wackeln. Giral, der Ministerpräsident der republikanischen Exilregierung ist in Paris eingetroffen, er droht mit Aufstand, Boycott, um die Massen gegen Franco aufzubringen und auch der nach streng monarchistischer Auffassung rechtmäßige König, Don Juan, soll eine Rolle spielen. Doch Franco erklärt, nicht weichen zu wollen. Wird er auch in den nächsten 29 Jahren nicht und erst Don Juans Sohn, Juan Carlos I. würde den Thron besteigen und später Abdanken aufgrund seiner außerehelichen Affären, Elefantenjagden und Finanzskandalen. Elefantenjagden, so deucht mir, waren 1946 noch kein Grund, seinen Thron aufzugeben.

In Amerika etablieren sich die Vereinigten Staaten, denn das Schwergewicht der Weltwirtschaft hat sich von Europa nach Nordamerika verlagert. Die gewaltige Produktionskapazität der USA, noch auf Kriegswirtschaft eingestellt, sobald umgestellt auf Frieden, sollen die im Krieg zerstörten Milliardenwerte im Nu ersetzt werden, so die Vorhersagen.

Doch es gibt eine unfassbare Prophezeiung, keinen Falsadamus, sondern einen „echten Nostradamus“. „Das Ruhrgebiet hat auf Grund seiner Größenordnung und seines Leistungspotentials eine überragende europäische Bedeutung. [...]. Doch welche positive Bedeutung für den Friedensaufbau und eine zukünftige europäische Gemeinschaft liegt hier! Es ist an uns, diese zu nutzen, zu erarbeiten und zu vervollkommnen“, schreibt Erik Blumenfeld. Es ist die „Montanunion“, die Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl, die wesentlich zur westeuropäischen Integration beiträgt, die schließlich 1993 in Maastricht zur Gründung der Europäischen Union führt. Es mag nicht Blumenfelds Intention gewesen sein, diese Vorhersage zu machen, aber man kann sie durchaus aus heutiger Sicht so lesen.

Aber es gibt auch leichtere Kost, eine Bewertung der Aufführung von Sophokles Antigone in Hamburg, ein Beitrag Ivo Hauptmanns über seinen schwerkranken, 80-jährigen Vater, Gerhart Hauptmann, eine erheiternde Geschichte über ETA Hoffmann, eine Ode an Madame Mère, Letitia Napoleone („Porvou que ca dource-„), als mahnende Frau die im nationalsozialistischen Deutschland fehlte und die jetzt in der Nachkriegszeit gefordert sind. Und ein Gedicht namens „Auf einen von Bomben zerschlagenen Engel“ von Horst Lange. Sag ich ja, sehr leichte Kost.