The Left Hand of Darkness oder Der Mensch als Alien    02/08/26

„Science Fiction is not predictive; it is descriptive.“ – Ursula K. LeGuin, Author’s Note

Ich kann nicht mehr genau sagen wann, aber es dürfte schon fast zehn Jahre her sein, dass ich auf Ursula K. LeGuins „The Left Hand of Darkness“ aufmerksam gemacht wurde. Ich saß allein mit Fremden in einem verrauchten, alten, zum alternativen Hörsaal umfunktionierten Weinkeller und hörte mir den von Studenten organisierten Vortrag eines promovierten Sozialwissenschaftlers über Utopien an. Es war, wie so oft, eine Mischung aus Langeweile und Suche nach neuen Impulsen, die mich dort hintrieb.

Utopien, ein spannendes Thema, vieles blieb hängen und hängt noch, aber vor allem LeGuins The Left Hand of Darkness blieb im Hinterkopf. Einige Jahre später bestellte ich mir spontan eine Ausgabe, ließ sie dann im Bücherschrank verstauben und holte sie erst heraus, als wir einen kleinen, privaten Lesekreis aus Freunden gründeten und ich dieses Buch als erste interessante Lektüre vorschlug. Scheinbar endlose und endlos-faszinierende Diskussionen später, sitze ich hier und schreibe diese Zeilen.

Geschrieben im Jahr 1969, handelt es von der Mission des Gesandten Genly Ai, der den Planeten Winter (in lokaler Sprache Gethen) dazu bewegen soll, der intergalaktischen Gemeinschaft beizutreten, die ihn entsandt hat. Aber die Gethenians sind im wahrsten Sinne des Wortes eigenartig, denn obwohl menschlicher Natur und Statur, sind sie geschlechtslos und nur zyklisch werden sie einmal im Monat geschlechtlich und sexuell aktiv, wobei das erlangte Geschlecht jedoch immer zufällig ist.

Die eisige Welt, mit der wir konfrontiert werden, ist so faszinierend. Genly ist allein, ein Alien. Wir sind Aliens.  Ein einzelner Gesandter soll keine Gefahr ausstrahlen, sondern Türen öffnen, so die Idee, doch ist er in seiner menschlichen Normalität der Geschlechtlichkeit der Perverse und überraschend ehrlich überfordert mit den Zuständen auf Gethen. Seine, unsere, gewohnten Stereotypen sind nicht existent, Männlichkeit und Weiblichkeit sind Begriffe, die nur für Tiere existieren, unmenschliche Konzepte.

Aber es ist nicht nur die (Nicht)-Geschlechtlichkeit, die Genly herausfordert, sondern auch die kulturellen und politischen Unterschiede der erlebten Kulturen auf Gethen. LeGuin erspinnt nicht nur eine geschlechtslose Kultur, sondern Kulturen. Verschiedene Religionen, politische Systeme, soziale Gepflogenheiten und sogar Mythen präsentieren eine unerwartete Diversität und erfordern von ihm eine Sensibilität und Feinfühligkeit, die er, und wir als Leser, anfangs nicht verstehen. Wenngleich uns sowjetisch-anmutende, gulagbetreibende und geheimdienstunterwanderte Zentralstaaten und kultisch kollektivistische Monarchien durchaus ein Begriff und eine Idee geben, wann dieses Buch geschrieben wurde.

Die Vielfalt, die uns präsentiert wird, ist beeindruckend und im Lesekreis diskutieren wir viel die Begrenztheit der menschlichen Imagination. Das Alien als Fremdkörper reicht. Eigene kulturelle Differenzen, Konflikte und Prinzipien gehen normalerweise zu weit. Das Fremde in seiner Fremdheit hat bereits seine Funktion erfüllt, das Xenotypische reicht. Das Alien ist allzumenschlich. Es bedarf keines eigenen, uns fremden Erfahrungshorizonts, um uns mit uns selbst auseinanderzusetzen, und doch konfrontiert uns erfrischenderweise das Buch genau damit.

Aber im Buch sind wir das menschliche Alien, die Besucher einer heimischen Welt aus einer fremden Welt. Es ist im Kern die bis ins Detail ausgearbeitete Beziehung zwischen Genly und dem adeligen Estraven, die das Buch so stark macht. Kulturelle Missverständnisse, politische Machtkämpfe und fremde Konzepte wie das nicht übersetzbare shifgrethor, ein komplexes und subtiles Ehrgefühl erweitern die Geschlechtlichkeitsproblematik. „The king is pregnant.“

In Spanien herrscht noch Franco, doch er scheint zu wackeln. Giral, der Ministerpräsident der republikanischen Exilregierung ist in Paris eingetroffen, er droht mit Aufstand, Boycott, um die Massen gegen Franco aufzubringen und auch der nach streng monarchistischer Auffassung rechtmäßige König, Don Juan, soll eine Rolle spielen. Doch Franco erklärt, nicht weichen zu wollen. Wird er auch in den nächsten 29 Jahren nicht und erst Don Juans Sohn, Juan Carlos I. würde den Thron besteigen und später Abdanken aufgrund seiner außerehelichen Affären, Elefantenjagden und Finanzskandalen. Elefantenjagden, so deucht mir, waren 1946 noch kein Grund, seinen Thron aufzugeben.

Genly mag aufgrund seiner Geschlechtlichkeit der Perverse auf Gethen sein, aber das Handeln der Gethenians wird durch ihre eigene Erfahrung, Strukturen und Motive bestimmt. Der Erfahrungshorizont der Gethenians ist das subtile Meisterwerk des Buches. Wie entwickeln sich Gesellschaften und Zivilisationen, ohne Geschlechtlichkeit, wo jeder nur nach der Laune der Natur, nur während einiger Tage im Monat, im Kemmer, Mann oder Frau ist? Was
macht das mit unserer Sexualität? Wie funktionieren freundschaftliche Beziehungen, wenn jeder Freund im nächsten Monat zum potenziellen Sexualpartner wird? Wie Anziehung? Was macht das mit einer Zivilisation? Was würde das mit unserer Zivilisation machen? Aber vielleicht ist das auch nur ein Puzzleteil, eine Entwicklung, die die Kulturen einer fremden Welt schärft.

Im letzten Drittel zerbrechen dann angesichts der elementaren Natur die kulturellen Differenzen. Der Überlebensdrang, aber auch wachsendes Vertrauen und Kommunikation führen zur Überwindung nicht nur der kulturellen, sondern auch der persönlichen Differenzen.  Das dunkle, gefährliche und einsame Fremde des Alls, aus dem wir nach Gethen kommen, spiegelt sich im ewigen Gobrin Ice.

Nach dem Lesen blieben zumindest mir einige Fragen offen und während ich darüberschreibe, ergeben sich mir neue Verbindungen und Ideen. Es ist ein Buch zum Mehrfachlesen. Im Gedächtnis bleiben wird mir auch vor allem Ursula K. LeGuins subtile Sprach- und Situationsgewalt:

„But it does not take a thousand men to open a door, my lord.” sagt Genly zum König von Karhide nach lang ersehnter Audienz. „It might to keep it open.“

Oder wenn der Wahrsager der Religion der Handdara mit Genlys Telepathie konfrontiert wird:

„But my business is unlearning, not learning. And I’d rather not yet learn an art that would change the world entirely.”

“Finally, when we’re done with it, we may find – if it’s a good novel – that we’re a bit different from what we were before we read it, that we have been changed a little, as if by having met a new face, crossed a street we never crossed before.” heißt es in der Author‘s Note.

Ich bin mir sicher, ich werde als Gesandter nach Gethen zurückkehren.